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02W00 Integration von QM-Maßnahmen aus der Industrie in das Gesundheitswesen

Die Übertragung bewährter Qualitätsmaßnahmen aus der Industrie bietet große Chancen für die nachhaltige Verbesserung der Versorgungsqualität im Gesundheitswesen. Doch wie lassen sich Methoden wie FMEA, Lean Management und Six Sigma aus der Industrie ins Gesundheitswesen übertragen?
Dieser Beitrag analysiert zentrale Methoden wie z. B. kontinuierliche Verbesserung, FMEA, Lean Management oder interne Audits. Es wird gezeigt, wie die Methoden an die Anforderungen im Gesundheitswesen angepasst werden können. Dabei stehen Patientensicherheit, Prozessoptimierung, Ressourcennutzung und regulatorische Anforderungen im Fokus. Anhand anschaulicher Beispiele wie der Medikamentenvergabe zeigt der Beitrag praktische Umsetzungsmöglichkeiten und beleuchtet Potenziale sowie Grenzen im medizinischen Kontext. Eine Handlungsempfehlung sowie ein Blick in die Zukunft runden den Beitrag ab.
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1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Relevanz

Die Sicherung und Verbesserung der Versorgungsqualität ist eine zentrale Herausforderung im deutschen Gesundheitswesen. In der Industrie werden bereits seit Jahrzehnten Methoden wie Six Sigma oder Lean Management erfolgreich praktiziert.
Problemstellung
Das Problem besteht darin, dass im Gesundheitswesen im Gegensatz zur Industrie die Versorgung von Patienten durch Variabilität und Individualität geprägt ist, da Krankheitsverläufe und Therapieergebnisse häufig nicht standardisierbar sind, weil sie von vielen Einflussfaktoren abhängen und Entscheidungen je nach Situation angepasst werden müssen. [1] Zudem stehen im Gesundheitswesen medizinische Qualität und ärztliche Autonomie im Vordergrund, was die Akzeptanz für QM-Maßnahmen schmälert. Aufgrund einer Vielzahl von gesetzlichen Vorgaben, die bereits eine Dokumentation fordern, empfände das Personal im Gesundheitswesen noch mehr Dokumentation, z. B. bei der Anwendung von QM-Methoden, oft als enorme Mehrbelastung.
Wichtig
Das Sozialgesetzbuch (SGB) enthält gesetzliche Regelungen für das Gesundheitswesen, die eine Verpflichtung zur Qualitätssicherung vorschreiben. Zentrale Regelungen sind in erster Linie im § 135 SGB V (Gesetzliche Krankenversicherung) verankert. [2]
Gemäß § 136d SGB V evaluiert und entwickelt der Gemeinsame Bundesausschuss die Qualitätssicherung kontinuierlich weiter und ermittelt den Stand der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen. Er bewertet bestehende Maßnahmen, benennt Weiterentwicklungsbedarf und gibt Empfehlungen für eine einheitliche sektor- und berufsübergreifende Umsetzung. Dazu werden regelmäßige Berichte erstellt.
Relevanz
Ende des 20. Jahrhunderts rückte das Thema Qualitätsmanagement (QM) in den Fokus des Gesundheitswesens. Seitdem hat es sich stetig weiterentwickelt. Ursächlich war, dass das zunächst auf die Leistungsverbesserung medizinischer Fachgruppen ausgerichtete Qualitätsmanagement durch die Anforderungen des Gemeinsamen Bundesausschusses inhaltlich weiter präzisiert wurde.
Einrichtungen im Gesundheitswesen müssen sich an der ISO 9001 orientieren und Mindeststandards zu Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität einhalten und umsetzen. Dazu gehört auch z. B. die Qualitätssicherung oder der Datenschutz Eine Verpflichtung zur Zertifizierung besteht jedoch bislang nicht.
Hoher Stellenwert
Qualität hat im Gesundheitswesen eine besondere Relevanz, weil die Qualitätssicherung – wie in jeder anderen Dienstleistung auch – von Anfang an Teil des Prozesses ist. Im Gegensatz zur industriellen Produktion, wo eine Qualitätsbewertung vom Kunden erst nach dem Erhalt des Produkts erfolgt, wird diese bereits mit dem Erstkontakt mit einem Patienten wirksam, beispielsweise in Form von Freundlichkeit, Beratung oder Termineinhaltung. [3]

2 Qualitätsmanagement in der Industrie

2.1 Historische Entwicklung

Das Qualitätsmanagement (QM) hat sich im Lauf der Zeit von einer reinen Endkontrolle hin zu einem umfassenden Führungsinstrument gewandelt.
Überblick
In den 1920 Jahren traten statistische Methoden zur Überwachung von Prozessen in den Fokus, die in den 1950er Jahren durch Deming und Juran entscheidend weiterentwickelt wurden. In Japan entstand daraus dann zunächst die „Total Quality Control”, In den 1980er-Jahren wurde das „Total Quality Management (TQM)” eingeführt, und das QM entwickelte sich zu einem Führungsinstrument. Heute ist das QM stark geprägt durch Aspekte wie Prozessmanagement, Risikomanagement, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung und ist ein integraler Bestandteil der industriellen Wettbewerbsfähigkeit (s. Abb. 1).
Abb. 1: Entwicklung des QM in der Industrie

2.2 Überblick über wichtige industrielle Methoden und Werkzeuge

Eine zentrale Aufgabe innerhalb des Qualitätsmanagements besteht darin, Qualität systematisch messbar und steuerbar zu machen und diese kontinuierlich zu verbessern. Dazu kann eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen eingesetzt werden.
In der Industrie – sowohl im Produktions- als auch im Dienstleistungsbereich – werden sie eingesetzt, um Prozesse systematisch zu planen, zu überwachen und kontinuierlich zu optimieren. Dabei liegt der Fokus im Produktionsbereich auf Prozessstabilität, Fehlervermeidung und Produktqualität. Im Dienstleistungsbereich stehen vorrangig Kundenzufriedenheit, Prozessqualität, Schnittstellen und Flexibilität im Mittelpunkt.
Erfolgsfaktoren
In der Industrie trägt die Anwendung von QM-Methoden und -Werkzeugen in beiden Bereichen dazu bei, Fehler, Ausschuss und Verschwendung zu reduzieren, Prozesse effizienter zu gestalten sowie Standards und gesetzliche Vorgaben einzuhalten, um insgesamt Kundenzufriedenheit und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Kategorisierung
In der praktischen Anwendung lassen sich die QM-Methoden und -Werkzeuge in folgende Kategorien einteilen:
übergreifende Methoden und Werkzeuge,
Instrumente der Qualitätsplanung,
Hilfsmittel zur Realisierung von Produkten und Dienstleistungen,
Verfahren der Qualitätsauswertung sowie
Ansätze zur kontinuierlichen Verbesserung.
Die nachfolgende Tabelle 1 stellt eine Auswahl wichtiger produktions- und dienstleistungsspezifischer Methoden und Werkzeuge mit kurzer Erläuterung vor.
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