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06100 Innovative Organisationsmodelle in der Primärversorgung

Die Primärversorgung ist das Rückgrat eines funktionierenden Gesundheitssystems – doch sie steht unter Druck: Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und steigende Patientenzahlen erfordern innovative Lösungen. Der Beitrag beleuchtet, wie multiprofessionelle Teams, digitale Technologien und neue Versorgungsmodelle – wie Primärversorgungseinheiten (PVE) – die Gesundheitsversorgung zukunftsfähig machen können. Anhand von Best Practices aus Österreich und Slowenien werden konkrete Ansätze vorgestellt, die Qualität, Zugänglichkeit und Effizienz der Versorgung nachhaltig verbessern. Erfahren Sie, wie innovative Konzepte die Primärversorgung stärken und welche Chancen sich daraus für deutsche Gesundheitseinrichtungen ergeben.
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1 Grundlagen der Primärversorgung

Schlüsselfaktor Primärversorgung als Grundpfeiler
Eine leistungsfähige Primärversorgung ist der Grundpfeiler eines funktionierenden Gesundheitssystems. Denn sie ist die erste Anlaufstelle für Patient:innen – sei es für die Früherkennung von Erkrankungen oder zur kontinuierlichen Betreuung von (chronisch) Erkrankten. Erstrebenswerte Merkmale sind ein niedrigschwelliger und wohnortnaher Zugang sowie eine bedarfsgerechte Gestaltung der Versorgung. Häufig werden die primären Gesundheitsleistungen in hausärztlichen Praxen oder ambulanten Versorgungszentren erbracht. Trotz dieser zentralen Rolle wird deren Stellenwert in der öffentlichen Wahrnehmung und in politischen Diskussionen häufig unterschätzt. Von einer gut organisierten Primärversorgung profitieren sowohl die Patient:innen als auch relevante Akteur:innen im Gesundheitswesen, beispielsweise Gesundheitsfachkräfte, etwa durch eine Reduktion von Krankenhausaufenthalten, oder eine Minimierung von Gesundheitsrisiken und die damit einhergehenden verringerten Kosten. Vor diesem Hintergrund ist es für Entscheidungsträger:innen im Gesundheitswesen und in der Politik entscheidend, sich mit der Primärversorgung auseinanderzusetzen, um ihr Potenzial für die Zukunft zu verstehen und gezielte Ansätze zur Qualitätsverbesserung zu entwickeln [1].

1.1 Definition und Bedeutung der Primärversorgung

In der Deklaration von Alma-Ata von 1978 wurde die Primärversorgung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Konzept einer Gesundheitsversorgung erklärt, „die auf praktischen, wissenschaftlich fundierten und sozial akzeptierten Methoden basiert und für den Einzelnen wie die Familien im Sinne von Eigenständigkeit und Selbstbestimmung zu erschwinglichen Kosten für Gemeinschaft und Land erreichbar ist. Primäre Gesundheitsversorgung wird damit zum ersten Element eines kontinuierlichen Prozesses gesundheitlicher Versorgung.” [2].
Primärversorgung als ganzheitlicher Ansatz
Dieses Konzept wurde seitdem immer wieder neu interpretiert und neu definiert. Doch zeigt sich, dass eine umfassende Definition der Primärversorgung jedenfalls die folgenden drei synergetischen Komponenten umfasst:
Umfassende Gesundheitsversorgung: Sicherstellung einer ganzheitlichen Versorgung während des gesamten Lebens – von Prävention über Behandlung bis zur palliativen Betreuung – und Gestaltung des Fundaments integrierter Gesundheitsdienste, die sich sowohl an Einzelpersonen als auch an die Bevölkerung insgesamt richten.
Berücksichtigung sozialer Einflussfaktoren: Systematisches Einbeziehen gesundheitlicher Rahmenbedingungen wie sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Faktoren in wesentliche Strategien und Erarbeitung sektorenübergreifender, evidenzbasierter Maßnahmen.
Stärkung der Eigenverantwortung: Förderung der aktiven Mitwirkung von Einzelpersonen, Familien und der Gesellschaft – sowohl bei der Gestaltung von Versorgungsangeboten als auch bei der selbstbestimmten Wahrnehmung von Gesundheitsvorsorge und Pflege.
Die Primärversorgung verfolgt somit einen ganzheitlichen Ansatz, der Gesundheit und Wohlbefinden möglichst frühzeitig, wohnortnah und gerecht fördert, über alle Phasen hinweg von Prävention bis Palliativversorgung, stets orientiert an den Bedürfnissen der Einzelpersonen und der Bevölkerung [3].

1.2 Herausforderungen in der Primärversorgung

Allerdings steht die Primärversorgung in vielen europäischen Ländern vor großen Herausforderungen. Zunehmende Arbeitsverdichtung und ein wachsender Versorgungsbedarf im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel treffen auf begrenzte personelle und strukturelle Ressourcen. Hinzu kommen steigende Anforderungen in Bezug auf Versorgungsqualität und interprofessionelle Zusammenarbeit vor dem Hintergrund digitaler Transformation.
Wachsender Bedarf trifft auf geschmälerte Ressourcen
Der demografische Wandel stellt die primäre Gesundheitsversorgung vor eine ihrer größten langfristigen Herausforderungen. Aufgrund einer alternden Bevölkerung und der damit einhergehenden Zunahme chronisch Erkrankter sowie multimorbider Menschen steigt der individuelle Versorgungsbedarf. So benötigen insbesondere ältere Menschen öfter eine komplexe, kontinuierliche und koordinierte medizinische Betreuung und darüber hinaus wohnortnahe und niedrigschwellige Verfügbarkeit.
Personalmangel trifft auf starre Systeme
Doch nicht nur der Anstieg der Zahl multimorbider Patient:innen ist eine Gefährdung für die Versorgungssicherheit, gleichzeitig sinkt in vielen Regionen auch die Zahl verfügbarer medizinischer und pflegerischer Fachkräfte. Während Ballungsgebiete oftmals als gut versorgt gelten, drohen in anderen Regionen eingeschränkte Erreichbarkeit und lange Wartezeiten. Davon sind ländliche Gebiete, aber auch strukturschwache Stadtteile besonders stark betroffen. Der Druck auf die Praxisstrukturen gefährdet aber nicht nur die Qualität und Zugänglichkeit der Versorgung, sondern auch die Attraktivität des Berufsbilds. Erschwerend kommen häufig noch unzureichende politische und strukturelle Rahmenbedingungen hinzu.
Versorgungsqualität braucht digitale Anschlussfähigkeit
Die Digitalisierung kann ein Schlüsselfaktor für eine qualitätsgesicherte und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung sein, wenn sie dazu beiträgt, Versorgungsprozesse effizienter zu machen bzw. Versorgung besser zu koordinieren. Jedoch bleibt der Einsatz digitaler Lösungen in der Primärversorgung bisher weit hinter den Möglichkeiten zurück. Zurückzuführen ist dies in vielen Fällen auf technische Hürden wie fehlende Interoperabilität oder unzureichende technische Infrastruktur, aber auch datenschutzrechtliche Unsicherheiten spielen eine Rolle. Es fehlt es an nutzerfreundlichen Lösungen für Patient:innen und Leistungserbringer:innen, die einen Mehrwert im Versorgungsalltag bieten. Zudem mangelt es sowohl an klarer strategischer Steuerung als auch an Fortbildungs- und Unterstützungsangeboten. Um eine langfristige und sinnvolle Nutzung digitaler Lösungen zu gewährleisten, bedarf es einer nutzenbringenden und systematisch begleiteten Integration in den Versorgungsalltag.

1.3 Notwendigkeit neuer Versorgungsmodelle

Antwort auf bestehende Herausforderungen
Die Vielzahl an verschiedenen Herausforderungen in der Primärversorgung macht deutlich, dass Handlungsbedarf für zentrale Akteur:innen wie Leistungserbringer:innen oder Entscheidungsträger:innen aus der Gesundheitspolitik besteht, um Qualität, Zugänglichkeit und Effizienz auch künftig sicherstellen zu können. Die Betrachtung von Herausforderungen wie der Arbeitsverdichtung, dem Anstieg von Kosten oder der Versorgung chronisch Erkrankter verdeutlicht die Notwendigkeit innovativer Versorgungsmodelle, die stärker auf Zusammenarbeit sowie auf Patientenzentrierung ausgerichtet sind. Beispielweise ermöglichen inter- und intraprofessionelle Teams eine umfassende Betreuung.
Sektorenübergreifende Versorgungskonzepte
Zusätzlich schaffen sektorenübergreifende Versorgungskonzepte wie Primärversorgungs- oder Gesundheitszentren einen besseren Zugang und fördern eine kontinuierliche Versorgung. Außerdem können digitale Lösungen wie Telemedizin oder Koordinationsplattformen wichtige Ergänzungen zur herkömmlichen Primärversorgung bieten, insofern sie alltagsnah und praktikabel eingesetzt werden. Letztlich sollten neue Versorgungsmodelle unter dem Aspekt einer zukunftsfähigen, patientennahen und anpassungsfähigen Primärversorgung neu gedacht werden, um den bestehenden Herausforderungen zu begegnen.
Wie solche innovativen Konzepte in der Praxis ausgestaltet werden können, zeigt ein Blick auf konkrete Länderbeispiele. Im Folgenden werden exemplarisch die Versorgungsmodelle in Slowenien und Österreich dargestellt. Sie verdeutlichen, wie unterschiedliche Rahmenbedingungen, rechtliche Grundlagen und strategische Ansätze zur Entwicklung neuer Strukturen beitragen, und liefern wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung der Primärversorgung.

2 Primärversorgung in Slowenien: Strukturen, Entwicklung und internationale Lehren

Slowenien als Vorreiter
Slowenien gilt trotz seiner geringen Größe und vergleichsweise eher begrenzter Ressourcen als eines der Vorreiterländer im Bereich der Primärversorgung. Das Land hat frühzeitig auf interprofessionelle Gesundheitszentren gesetzt und damit ein Modell geschaffen, das Prävention, Krankheitsversorgung und Pflege systematisch verbindet.
Slowenien verfügt über ein universelles, solidarisch finanziertes Gesundheitssystem, das durch eine einzige gesetzliche Krankenkasse getragen wird [4]. Die Finanzierung erfolgt einkommensabhängig. Trotz einer vergleichsweise niedrigen Ärztedichte (3,3 pro 1.000 Einwohner:innen; Deutschland: 4,5) und geringerer Krankenhauskapazitäten (4,3 Betten je 1.000 Einwohner:innen; Deutschland: 7,8) erzielt das System beachtliche Versorgungsleistungen [5], beispielsweise die im Jahr 2021 weltweit niedrigste Säuglingssterblichkeit.
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