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09142 Qualitätsmessung und Patientenzentrierung durch Befragungen

Wie können Patientenbefragungen die Versorgungsqualität in Krankenhäusern und Arztpraxen verbessern? Dieser Beitrag richtet sich an medizinisches Fachpersonal, Pflegekräfte und QM-Verantwortliche und bietet eine praxisnahe Einführung in die patientenzentrierte Qualitätssicherung nach § 137 SGB V. Vorgestellt werden die vom IQTIG im Auftrag des G-BA entwickelten Befragungen der externen Qualitätssicherung sowie deren Nutzen für die Qualitätsförderung. Anhand der Patientenbefragung QS PCI wird gezeigt, wie faktenbasierte Ergebnisse gezielt zur Optimierung von Prozessen und Strukturen in Krankenhäusern und Arztpraxen genutzt werden können.
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1 Patientenzentrierung in der Gesundheitsversorgung

Gesundheit als Konzept mit drei Dimensionen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte 1948 „Gesundheit” als dreidimensionales Konzept, das gleichermaßen körperliches, mentales und soziales Wohlbefinden umfasst. Damit schließt Gesundheit nicht mehr ausschließlich Schädigungen von körperlichen Funktionen und Strukturen ein, sondern betrachtet auch deren Auswirkungen auf das tägliche Leben. Die Lebensumstände und individuellen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten sind neben äußerlichen Faktoren zentrale Komponenten, die das Wohlbefinden und schließlich die individuelle Gesundheit beeinflussen. Gute Qualität in der Gesundheitsversorgung zeichnet sich demnach dadurch aus, dass zusätzlich zum aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand auch die Bedarfe und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten im Fokus stehen [1]. Damit ist der Grundgedanke einer patientenzentrierten Versorgung gelegt.

1.1 Was ist Patientenzentrierung in der Gesundheitsversorgung?

Eine patientenzentrierte Versorgung ist eine Versorgung, die sich vor dem Hintergrund des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand nach den Bedarfen und Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten richtet [1].
Patientenzentrierung bedeutet demnach nicht allein die Verbesserung des gesundheitlichen Wohlbefindens. Vielmehr schließt das auch das soziale und mentale Wohlbefinden ein, was den Blick um die individuellen Lebensumstände und daraus resultierenden Bedürfnissen erweitert. So können bei gleicher Erkrankung verschiedene Menschen, verschiedene Bedürfnisse hinsichtlich ihrer Versorgung haben. Beispielsweise ist es für Menschen, die dialysepflichtig werden, aber beruflich eingebunden und damit viel unterwegs sind, relevant, ihre mobile und terminliche Unabhängigkeit möglichst wenig einzuschränken. Hier ist es wichtig zu wissen, dass es neben der Dialyse in einer Einrichtung, an mehreren Tagen pro Woche für mehrere Stunden aufgesucht werden muss, die Möglichkeit einer Heimdialyse besteht.
Versorgung aktiv mitgestalten
Für einen älteren, multimorbiden Menschen ist es möglicherweise wichtiger, von medizinischem Fachpersonal in einer Einrichtung betreut zu werden. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten kennenzulernen und in der Versorgung einzubeziehen, ist wesentlicher Bestandteil einer patientenzentrierten Versorgung. So können gemeinsam Entscheidungen getroffen werden und Patientinnen und Patienten haben die Möglichkeit, aktiv ihre Gesundheitsversorgung mitzugestalten [2].
Acht Prinzipien patientenzentrierter Versorgung
Bereits 1988 hat das Picker Commonwealth Programme for Patient centered Care [3] mit verschiedenen Studien die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten untersucht und acht grundlegende Prinzipien identifiziert:
Respekt für die Werte, Präferenzen und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten
Koordination und Integration der Versorgung
Information und Gesundheitsbildung
Körperliches Wohlbefinden
Emotionale Unterstützung
Einbindung von Familie und Freunden
Kontinuierliche Versorgung ohne Versorgungsbrüche
Zugang zur Versorgung
Auch nahezu vier Dekaden später haben diese Prinzipien nicht an Relevanz verloren, sondern adressieren die wesentlichen Kernelemente einer patientenzentrierten Versorgung: die Betrachtung des Patienten bzw. der Patientin als Individuum, Arzt-Patienten-Kommunikation, Patienteninformation, Patientenbeteiligung und die Befähigung der Patientinnen und Patienten, Entscheidungen treffen zu können (Patient Empowerment) [4].

1.2 Warum ist Patientenzentrierung in der Gesundheitsversorgung wichtig?

Studien, in denen die Einschätzung des allgemeinen Gesundheitszustands [5] oder wichtiger Behandlungsziele bei Brustkrebs [6] sowohl von den Patientinnen und Patienten selbst als auch von Ärztinnen und Ärzten eingeschätzt wurde, zeigen nur eine geringe Übereinstimmung der Selbstbewertung bspw. von Behandlungszielen der Patientinnen und Patienten mit der Fremdbewertung durch Ärztinnen und Ärzte. Für eine patientenzentrierte Gesundheitsversorgung ist es notwendig, dass die Patientinnen und Patienten selbst als direkt Betroffene benennen, was sie brauchen. Es sind auch wiederum die Patientinnen und Patienten, die reflektieren, inwiefern ihre Bedürfnisse und Bedarfe bei ihrer Versorgung tatsächlich berücksichtigt wurden. Patientenbefragungen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein, da so die Erfahrungen der Patientinnen und Patienten aus erster Hand erfasst werden können, um sie abzubilden, zu verstehen und anhand der Befragungsergebnisse Verbesserungsmaßnahmen abzuleiten.

2 Patientenbefragungen der externen medizinischen Qualitätssicherung

SGB V § 135 – externe QS
Qualitätssicherung (QS) in der medizinischen Versorgung soll sicherstellen, dass alle Patientinnen und Patienten nach dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand gut versorgt werden. Das fünfte Sozialgesetzbuch (SGB V) trifft hierzu Regelungen, wozu unter anderem Maßnahmen der einrichtungsübergreifenden externen Qualitätssicherung gehören (SGB V § 135a). Das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) ist die verantwortliche Institution für die Entwicklung und Durchführung gesetzlich verpflichtender Maßnahmen zur Qualitätssicherung (QS-Maßnahmen). Das IQTIG entwickelt im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) seit 2016 Patientenbefragungen als ein Element der gesetzlich verpflichtenden Qualitätssicherung.

2.1 Welche Rahmenbedingungen bestehen für Patientenbefragungen als Teil der medizinischen Qualitätssicherung?

Anforderungen an Patientenbefragungen als Datenquelle der externen QS
Patientenbefragungen für die externe QS werden unter nachfolgenden Rahmenbedingungen innerhalb des Regelungsbereichs des SGB V umgesetzt und sind von Befragungsinstrumenten, die zum Zweck der patientenindividuellen Versorgung und Therapieplanung in Krankenhäusern oder Arztpraxen eingesetzt werden, zu unterscheiden:
Qualitätsanforderungen sollen für Patientinnen und Patienten bedeutsam sein, von ihnen in der Versorgung beobachtbar und erlebbar sein
Patientenbefragungen sollen zur Messung und Darstellung der Versorgungsqualität in medizinischen Einrichtungen (sog. Leistungserbringern) eingesetzt werden
Ergebnisse aus Patientenbefragungen sollen für den Vergleich der Versorgungsqualität zwischen Leistungserbringern anhand von Qualitätsindikatoren (QI) geeignet sein
Aus den Ergebnissen der Patientenbefragungen sollen sich für die Krankenhäuser und Arztpraxen konkrete Verbesserungsmaßnahmen ableiten lassen
Die QS-Richtlinie des G-BA
Der verpflichtende Einsatz von Patientenbefragungen wird durch den G-BA in der Richtlinie zur datengestützten einrichtungsüberreifenden Qualitätssicherung (kurz: DeQS-RL) geregelt. Dort ist z. B. die verpflichtende Teilnahme der Krankenhäuser und Arztpraxen an einem QS-Verfahren hinterlegt und die konkrete Umsetzung der Datenflüsse für die Übermittlung der Adressdaten der Patientinnen und Patienten zum Versand der Fragebögen geregelt.
Fragebogenlogistik
Patientinnen und Patienten nehmen freiwillig und anonym an der (bislang) postalischen Befragung Teil und erhalten nach Abschluss ihrer Behandlung einen Fragebogen per Post von der Versendestelle Patientenbefragung des G-BA. Diesen Fragebogen schicken sie in einem vorfrankierten Rückumschlag an die Fragebogenannahmestelle. Die Datenverarbeitung dafür regelt SGB V § 299. Abbildung 1 fasst den Datenfluss für die Übermittlung der Patientendaten von den Leistungserbringern an die Versendestelle Patientenbefragung, die Logistik für Versand und Entgegennahme der Fragebögen sowie die Ergebnisrückmeldung vom IQTIG an die Leistungserbringer zusammen.
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