11156 Patientensicherheit stärken durch Patienteneinbindung
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In vielen Bereichen der Gesundheitsversorgung bleibt das Potenzial aktiver Patienteneinbindung bislang unzureichend genutzt. Der Beitrag zeigt, dass die systematische Einbindung von Patientinnen, Patienten und Angehörigen eine wesentliche Voraussetzung für eine sichere, effiziente und patientenzentrierte Versorgung ist und maßgeblich zur Fehlerprävention sowie zur Qualitätsverbesserung beitragen kann. Erläutert werden rechtliche und fachliche Grundlagen, ergänzt durch praxisnahe Beispiele und konkrete Empfehlungen für die Einbindung in Sicherheits- und Qualitätsprozesse in Gesundheitseinrichtungen. Nach der Lektüre sind Sie in der Lage, gezielte Maßnahmen zur Stärkung der Patientensicherheit in ihrer Organisation einzuleiten. Arbeitshilfen: von: |
1 Einleitung
Die Gewährleistung einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung ist eine gemeinsame Aufgabe von Leistungserbringern, Krankenkassen und nicht zuletzt den Patientinnen und Patienten selbst. Dieses Zusammenspiel der Verantwortung ist gesetzlich verankert (s. z. B. SGB V § 1, § 2 (4), § 70). Patientinnen und Patienten spielen auch praktisch eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Fehler zu vermeiden und die Qualität der Versorgung zu verbessern. Fachkräfte im Klinik-, Pflege- und Rehabilitationsbereich stehen aber vor der Herausforderung, die Perspektiven, Erfahrungen und Wünsche der Betroffenen systematisch in den Versorgungsalltag zu integrieren. Dieser Beitrag vermittelt die grundlegenden Prinzipien der Patienteneinbindung und zeigt, warum ihre konsequente Umsetzung eine unverzichtbare Voraussetzung für eine sichere, patientenzentrierte Gesundheitsversorgung ist. Anhand praxisnaher Beispiele wird erläutert, wie die Beteiligung von Patientinnen und Patienten erfolgreich gestaltet werden kann.
2 Grundlagen der Patienteneinbindung
Im Folgenden wird der Begriff Patienteneinbindung vorgestellt und die rechtlichen und inhaltlichen Motive werden erläutert, die dem Thema zugrunde liegen und seine Bedeutung für die Gesundheitsversorgung verdeutlichen.
2.1 Definition und Bedeutung
Die freiwillige, informierte Zustimmung von Patientinnen und Patienten nach umfassender Aufklärung (Informed Consent) ist ein entscheidender Baustein einer gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung (Shared Decision Making) und einer gelingenden Patienteneinbindung (Patient Engagement).
Informed Consent
Informed Consent ist ein zentrales rechtliches und ethisches Prinzip, das Patientenautonomie stärkt, indem Patientinnen und Patienten nur nach rechtlich wirksamer Aufklärung einer medizinischen Maßnahme freiwillig zustimmen oder diese ablehnen können. Es sichert ab, dass Patientinnen und Patienten verstehen, worin eine Behandlung besteht, welche Risiken sie eingehen und welche Alternativen verfügbar sind. Modelle wie Shared Decision Making (siehe Abschnitt 2.4) bauen explizit auf dem Prinzip des Informed Consent auf und erweitern es in Richtung partnerschaftlicher Entscheidungsfindung.
Informed Consent ist ein zentrales rechtliches und ethisches Prinzip, das Patientenautonomie stärkt, indem Patientinnen und Patienten nur nach rechtlich wirksamer Aufklärung einer medizinischen Maßnahme freiwillig zustimmen oder diese ablehnen können. Es sichert ab, dass Patientinnen und Patienten verstehen, worin eine Behandlung besteht, welche Risiken sie eingehen und welche Alternativen verfügbar sind. Modelle wie Shared Decision Making (siehe Abschnitt 2.4) bauen explizit auf dem Prinzip des Informed Consent auf und erweitern es in Richtung partnerschaftlicher Entscheidungsfindung.
Patient Engagement
Patient Engagement beschreibt darüber hinaus die aktive Einbindung und Mitwirkung von Patientinnen und Patienten im gesamten Versorgungsprozess, also auch jenseits von unmittelbaren Behandlungsentscheidungen. Informed Consent fungiert dabei als Mindeststandard für Patient Engagement: Ohne einen verlässlichen Informed Consent wäre jede weitergehende Form aktiver Patientenbeteiligung in der Versorgung praktisch undenkbar.
Patient Engagement beschreibt darüber hinaus die aktive Einbindung und Mitwirkung von Patientinnen und Patienten im gesamten Versorgungsprozess, also auch jenseits von unmittelbaren Behandlungsentscheidungen. Informed Consent fungiert dabei als Mindeststandard für Patient Engagement: Ohne einen verlässlichen Informed Consent wäre jede weitergehende Form aktiver Patientenbeteiligung in der Versorgung praktisch undenkbar.
Dieses Verständnis spiegelt sich im Globalen Aktionsplan für Patientensicherheit 2021–2030 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wider, der die Einbindung von Patientinnen, Patienten und ihren Familien als eines von sieben zentralen Zielen benennt, um die Patientensicherheit langfristig zu stärken (siehe Tabelle 1).
Tabelle 1: Strategisches Ziel 4 aus [1]
Globaler Aktionsplan für Patientensicherheit der WHO
Strategisches Ziel 4: Maßnahmen für Regierungen zur Einbindung von Patient:innen und deren Familien, um den Weg zu einer sichereren Gesundheitsversorgung zu erleichtern und zu unterstützen. | |
Strategie 4.1. | Einbeziehen von Patient:innen, Familien und Organisationen der Zivilgesellschaft in die gemeinsame Entwicklung von Politiken, Plänen, Strategien, Programmen und Leitlinien, um die Gesundheitsversorgung sicherer zu machen. |
Strategie 4.2. | Lernen aus Erfahrungen von Patient:innen und deren Familien, die unsicherer Versorgung ausgesetzt waren, um das Verständnis über den Ablauf der Schädigung zu erhalten und die Entwicklung effektiverer Lösungen zu fördern. |
Strategie 4.3. | Aufbau der Kapazitäten von Patientenfürsprecher:innen und Verfechter:innen für Patientensicherheit. |
Strategie 4.4. | Etablierung des Prinzips und der Praxis von Offenheit und Transparenz in der gesamten Gesundheitsversorgung, einschließlich einer vollständigen Offenlegung von Patientensicherheitsvorfällen gegenüber Patient:innen und deren Familien. |
Strategie 4.5. | Bereitstellen von Informationen und Bildungsangeboten für Patient:innen und deren Familien zu ihrer Einbeziehung in die Selbstfürsorge und Befähigung zur partizipativen Entscheidungsfindung. |
WHO-Aktionsplan Patientensicherheit
Die WHO fordert die Länder dazu auf, Patienteneinbindung strukturell und nachhaltig zu verankern, um gemeinsam mit anderen Akteuren sichere und patientenzentrierte Versorgungssysteme zu gestalten. Dieser Ansatz ist Teil der Vision, vermeidbare Schäden durch unsichere Versorgung weltweit zu reduzieren und eine Kultur der Sicherheit und Zusammenarbeit auf allen Ebenen des Gesundheitssystems zu etablieren.
Die WHO fordert die Länder dazu auf, Patienteneinbindung strukturell und nachhaltig zu verankern, um gemeinsam mit anderen Akteuren sichere und patientenzentrierte Versorgungssysteme zu gestalten. Dieser Ansatz ist Teil der Vision, vermeidbare Schäden durch unsichere Versorgung weltweit zu reduzieren und eine Kultur der Sicherheit und Zusammenarbeit auf allen Ebenen des Gesundheitssystems zu etablieren.
Patientinnen und Patienten sollen im Rahmen ihrer Versorgung informiert, einbezogen und als vollwertige Partner behandelt werden. Sie sollen befähigt werden, aktiv an ihrer Versorgung mitzugestalten, Risiken zu reduzieren und dadurch vermeidbare Schäden zu verhindern.
Patientenerfahrungen werden neben wissenschaftlicher Evidenz als wichtige Grundlage für die Entwicklung von sicheren Gesundheitssystemen betrachtet. Die WHO überwacht die bei der Patienteneinbeziehung zur Verbesserung der Patientensicherheit erzielten Fortschritte.
Der Globale Ministergipfel zur Patientensicherheit 2023 in Montreux betonte die Bedeutung der systematischen und partnerschaftlichen Einbindung von Patientinnen, Patienten und deren Familien in die Gesundheitsversorgung und die Entwicklung von Sicherheitsmaßnahmen. Das Treffen, das Delegationen aus über 80 Ländern zusammenbrachte, führte zur Verabschiedung der Montreux-Charta zur Patientensicherheit, die umfassende Maßnahmen zur Reduzierung vermeidbarer Schäden im Gesundheitswesen empfiehlt. Besonderes Gewicht wurde auf die aktive Beteiligung der Patientinnen, Patienten und ihrer Angehörigen gelegt, um sichere und patientenzentrierte Versorgung bestmöglich zu gewährleisten.

